MV Statistix 2013 Teil 4 – Gender Gap

Unseren Ruf als P.C. Abteilung der Nürnberger Konzertszene gnadenlos aufs Spiel setzend, haben wir mal durchgezählt, wieviele Künstler und Künstlerinnen 2013 bei uns gespielt haben. Wir haben dabei jedes einzelne Bandmitglied gezählt, und bei jeder Club Night / Party das komplette DJ Team (also auch die lokalen DJs für jeden einzelnen Abend, an dem sie bei uns aufgelegt haben), um wirklich mal einen Überblick zu haben, wieviel Männer und Frauen bei uns so auf der Bühne stehen.

Das Ergebnis 2013? Vernichtend. Seht selbst:

MV-2013-Statistix---Geschlechterhverhältnis

Insgesamt 86.1% Männer, 13.9% Frauen. Bei den Bands waren es  36 Frauen und 252 Männer, so dass es hier mit 87.5% vs 12.5% auf den ersten Blick schlechter aussieht als bei den Parties. Dort waren es 24 Frauen und 121 Männer, d.h. 83.4% Männer bei 16.6% Frauen. Allerdings liegt die bessere Quote bei den Parties in erster Linie an eve massacre und ihren Partyreihen, bei denen vergleichsweise viele Künstlerinnen zu Gast sind. Wenn ihre Partyreihen, Orchid und Sissy Bass, sowie all ihre DJ Sets abgezogen werden, bleibt ein vernichtendes Ergebnis von 95.1% männlichen DJs und 4.9% weiblichen.

Und damit stehen wir im Vergleich zu anderen Veranstalter_innen in Nürnberg wahrscheinlich noch relativ gut da. Wir brauchen uns da auch nichts vormachen: Es liegt an uns und nicht daran, dass es nicht genug Künstlerinnen und weibliche DJs gäbe. Es liegt an verkrusteten Strukturen, die sich nicht einfach von selbst auflösen. Männerseilschaften dominieren die Musikszenen mit ihrer Art zu definieren, was „gut“ ist und wer dazugehört und wer nicht, egal ob es um das Zusammenfinden von DJ Teams oder Bands geht, oder um das Booking von Musik oder Vorträgen, und auch beim Schreiben über und beim Veröffentlichen von Musik ist es nicht anders. Dabei ist es auch egal, ob DIY oder professionell, ob lokal oder international, Subkultur oder kommerziell. Vieles kommt auch beim nächtlichen Quatschen an der Theke zustande, und gerade da eben oft von Mann zu Mann. Mit dieser gewissen Kumpelhaftigkeit von Männern unter sich und von Frauen, die sich dem angepasst haben, will vielleicht niemand bewusst Frauen ausgrenzen, aber das entschuldigt nichts. Wir müssen uns vor Augen führen, dass wir mit jeder einzelnen Entscheidung den Status Quo mit zementieren: Wen wir in unseren Bookingroster mitaufnehmen, für wen wir ein Konzert veranstalten, wen wir in unsere Band oder unser DJ Team aufnehmen, oder in unsere Konzertgruppe, wem wir den Promoterjob in unserem Laden geben, wessen Songs wir auflegen, wessen Album oder Konzert wir besprechen.

Nun, es kann doch echt nicht angehen, dass in einer Zeit, in der es Dinge wie Hoverboards und Social Freezing und sogar Soylent gibt, wir auf sozialer Ebene noch immer so hinterherhinken, dass wir keine basic Gleichberechtigung auf die Reihe kriegen. Und da ist es nicht getan mit kleinen Abspeisungen wie von Männern veranstalteten „female“-Irgendwas-Events, die so ein bisschen einen Charity-Touch haben, und für die es auch extra Fördertöpfe gibt, und mit denen man sich dann mal kurz ganz tolle wohltätig fühlen kann, weil er Frauen fördert. Solche Events sind keine Lösung, weil sie etwas als Ausnahme kennzeichnen anstatt wirklich langfristig etwas Platz und Macht abzutreten. Wenn ihr dazu nicht bereit seid, seid ihr Teil des Problems.

Nein, es muss schon in unsere Köpfe reinwachsen, in den Alltag, in alle Teile und Positionen der Szene, von Promoter bis Songauswahl, und das Ziel muss sein, dass wir uns blöd und peinlich berührt fühlen, wenn das Programm wieder mal nicht ausgewogen ist. Im Moment ist es ja leider eher überwiegend so, dass sich die blöd und peinlich fühlen, die das Thema ansprechen. Wir müssen es schaffen, das umzukehren.

Und das Argument, es gäbe keine interessanten Bands oder DJs und es wäre doch blöd, nur nach Geschlecht zu booken, zählt nicht, wenn ihr tatsächlich für Gleichberechtigung seid. Es gibt mehr als genug interessante Künstlerinnen, nur bekommen diese wegen der oben erwähnten Boy Clubs und derer Kriterien, die sich durch so gut wie alle Teile der Musikszenen ziehen, meist weniger Publicity und sind deswegen schwerer zu finden. Aber hey, ja, wenn wir wirklich eine Veränderung wollen, kostet das eben auch etwas Anstrengung. Und es gehört auch dazu, sich zu trauen, es sich auch mal mit (anderen) Männern in der Musikszene zu verderben, die dem im Weg stehen und so tun, als seien die Verhältnisse gottgegeben, nur weil sie nicht bereit sind, aktiv dafür einzutreten, dass mehr Frauen ihren Platz finden. Von selbst wird die Veränderung nicht kommen, das kann nach so vielen Jahren unveränderter Verhältnisse wohl als gegeben angenommen werden.

Schlau daherreden ist eins, aber was tun? Wir als musikverein haben uns als Vorsatz ausgedacht: Wir geben uns 2015  mehr Mühe, aktiv nach spannenden Künstlerinnen zu suchen, statt wie gewohnt hauptsächlich auf Bookinganfragen zu reagieren. Denn daraus hat sich bislang nur immer wieder eine Reproduktion der bestehenden Geschlechterverhältnisse im Konzertprogramm ergeben – soviel lässt sich aus Erfahrung und auch durch den Blick auf andere Konzertveranstalter_innen und DJ-Teams sagen. Statt weiterhin immer nur relativ spontan zu buchen, was uns von den Acts begeistert, die uns durch unsere Bookingkontakte unter die Finger kommen, wollen wir unser Programm im Auge behalten: Wir werden 2015 bei jeder einzelnen Veranstaltung durchzählen, wieviele Künstlerinnen und wieviele Künstler auf der Bühne stehen und uns das bei jeder Sitzung gegenseitig unter die Nase reiben Und: wir setzen uns natürlich auch ein bisserl extra Druck aus, indem wir das hier für euch transparent machen. Wir haben uns nicht für eine Quotenregelung entschieden, weil wir nichts erzwingen wollen, sondern erst mal gucken wollen, wie weit wir mit diesem Ansatz kommen. Aber grundsätzlich ablehnen tun wir die Idee einer Quote auch nicht. Wäre dann vielleicht der nächste Schritt, wenn es so nicht gerechter wird.

Wir würden uns freuen, wenn sich andere Veranstaltungsgruppen oder einzelne Veranstalter_innen hierdurch anstecken lassen würden, selbst auch Transparenz als wichtigen ersten Schritt zu sehen, und sie ihr Programm mal ebenso nach Geschlechtern durchleuchten und die Ergebnisse publik machen würden.

Ach, und zum Schluss noch der Blick auf uns selbst, das darf nicht fehlen: Der Musikverein besteht zur Zeit aus fünf Frauen und elf Männern. Das ist mit das ausgewogendste Geschlechterverhältnis seit es den MV gibt, aber als toll empfinden wir das immer noch nicht, deswegen auch mal wieder der Aufruf, explizit an Frauen: wenn ihr Lust habt, bei uns mitzumachen, meldet euch (info@musikverein-concerts.de).

Es ist keinerlei Vorwissen von Bedarf, nur ein Interesse an Musik (ihr kennt ja wahrscheinlich unser Programm so in etwa, wenn ihr das lest), Lust auf gemeinsames Konzerte/Parties/Lesungen/sonstwas-Veranstalten in einer basisdemokratischen Gruppe. Bei uns fallen immer eine riesige Bandbreite an Tätigkeiten an, nicht nur das Booken und Betreuen von Künstler_innen, sondern z.B. auch Flyerlayouten und -verteilen, Kochen, Theke machen, Putzen, Deko basteln, Website am Laufen halten, Infos über Bands schreiben und noch tausend Dinge mehr, die – (zum großen Teil 😉 ) – ziemlich Spaß machen. Ach ja: Montagabends müsstet ihr Zeit haben, denn da treffen wir uns allwöchentlich. Ihr könnt das auch gerne weitersagen!

herzlichst,

eve massacre für den mv

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