Offener Brief vom musikverein an den Kulturausschuss der Stadt Nürnberg zum Konzept der MUZ für den Z-Bau

Vielfalt fördern – Einfalt verhindern! Kultur ist überall!

Dem Konzept eines ausgelagerten, zentralen Objekts der Gegenwartskultur in Form des „neuen“ Z-Baus stehen viele Argumente gegenüber: Abgesehen von der Tatsache, dass zusätzliche kommunal gesponserte Räumlichkeiten in solcher Größenordnung nicht wirtschaftlich betrieben werden können, ist es offensichtlich, dass neue zukunftsprägende Kultur und Soziokultur nicht künstlich in betreutem Rahmen entsteht, sondern sich ihre eigenen Kontexte und Räume sucht und erstickt wird, wenn sie im Rahmen gehalten wird. Zudem stehen die Kosten der Z-Bau-Renovierung in keiner Relation zu der Bedarfslage an bereits bestehenden Spielorten.

Popkultur in Nürnberg lebt, Popkultur in Nürnberg wächst – oktroyierende Maßnahmen braucht es nicht!

Als vor ein paar Tagen das 85-seitige Konzept von Steffen Zimmermann, Geschäftsführer der musikzentrale, veröffentlicht wurde, war die Reaktion derer im musikverein, die Zeit hatten, es durchzulesen, erst mal ein müdes Resignieren.

Wenn man das Konzept bis ins Detail liest, und sieht, dass selbst an Dinge gedacht wurde wie „Maßnahmen zum Imagegewinn und der Positionierung des Kulturbetriebs in der Öffentlichkeit“, ist es manchen von uns schon erst mal danach zumute gewesen, sich einfach unter die Decke zu verkriechen.

Wir haben uns nun dennoch entschlossen, ein Statement dazu abzugeben, da wir nicht sprachlos zusehen wollen, wie Unmengen von Geld, das die Kulturszene der Stadt anderswo bitter nötig hätte, zugunsten eines Prestigeobjekts in den Sand gesetzt werden.

Falls für den Umbau in der vorgelegten Form entschieden wird, empfinden wir das ganz schlicht als einen Affront gegenüber der bereits existierenden Kulturszene, die sich mit knappen Mitteln den Allerwertesten aufreißt.

Unsere Kritik?

Die Aussage eines Kreativwirtschaftsberichts, dass in dieser Metropolregion zu wenig Geld mit Popkultur verdient wird, heißt nicht automatisch, dass auch genug Publikum da ist, um noch ein zusätzliches Multiplex-Popkultur-Zentrum zu füllen; sprich: dieses Geld auch praktisch zu erwirtschaften.

Wir halten die Größenordnung des Z-Baus für realitätsfremdes städteplanerisches Reißbrettdenken, das finanziell unverantwortlich ist.

Es ist ein Unding, dass die Machbarkeitsstudie vom zukünftigen Betreiber erstellt wurde. Wer würde sich an dessen Stelle nicht eine Bedarfslage zurechtbasteln?

Keine Bedarfslage in der geplanten Größenordnung
– Konkurrenz ist vorprogrammiert

Der Musikverein wurde ja trotz seiner 36jährigen Erfahrung als Veranstalter in Nürnberg (ca. 100 Konzerte, Lesungen, Partys, in verschiedensten Größenordnungen und Musikbereichen pro Jahr) – aus Versehen? – nicht gefragt. Obwohl oder gerade weil er die von der Stadt gewünschte pop-musikalische Forderung erfüllt – aber eben ehrenamtlich.

Deswegen auf diesem Weg unsere Meinung: Wir sehen den Bedarf in so einer Größenordnung wie der des Z-Baus als nicht gegeben an.

Wo es Lücken gibt, das sind kleinere bis mittlere Veranstaltungsorte mit spannenden individuellen Konzepten. Dazu reicht es, sich den großen Zuspruch, den der Hemdendienst erfährt, anzusehen, oder die zahlreiche langjährige Unterstützung von Leuten die sich für das AKN/Projekt 31 einsetzen.

Wer zum Jahreswechsel eine große Lücken hinterlassen wird, das ist der Kunstverein im Bereich Punk, Doom, u.ä. Konzerten und Dubstep/Jungle usw. Discos. Er ist auch in seiner Form als einer der letzten wirklichen Freiräume in Nürnberg bedeutend. Das können die meisten Ersatzspielorte nicht leisten, und wir sind skeptisch, wie ‘frei’ der KV im geplanten Z-Bau-Konzept noch sein wird.

Es ist allerdings derzeit kein Bedarf für den Bereich da, auf den die MUZ sich bislang schwerpunktmäßig fokussiert: Die Ecke Indie/Folk/Elektropop, die auch im Club Stereo, Hemdendienst und Zentralcafé (um nur drei Orte zu nennen, oder ‘nürnberg.pop’ als Festival) regelmäßig veranstaltet wird. Hier herrscht jetzt schon so ein Überangebot, dass gerade an Tagen, an denen mehrere Konzerte parallel stattfinden, deutlich wird: Es gibt nicht genug Publikum in diesem Bereich um vier Clubs zu füllen.

Da die MUZ auch jenseits vom MUZ-Club, wenn sie Bands für Veranstaltungen wie Brückenfestival oder Rote Kulturnacht buchte, immer nur in diesem musikalischen Bereich blieb, sind wir davon überzeugt, dass die MUZ im Z-Bau auch wieder diese Richtung einschlagen wird. Und das wird – egal wie vehement es auf dem Vorabpapier abgestritten wird – selbstverständlich zu einer Konkurrenzsituation führen.

Was größere Veranstaltungen betrifft, haben alteingesessene Veranstalter wie CBF/Hirsch und neuere wie z.B. das E-Werk mit seiner ‘Kulturversorger’-Initiative oder Wild2000 inzwischen ganz gut ausgelotet, was in Nürnberg geht. Schätzte man die Lage vor zwei Jahren noch so ein, dass sich je ein weiterer 450-2000 Leute Saal, wie sie jetzt im Z-Bau geplant sind, regelmäßig bespielen ließen, haben Veranstalter dieser Größenordnung inzwischen feststellen müssen: Es lassen sich nicht mal die bereits vorhandenen Säle ganz ausnutzen.

Die Künstler, deren Konzerte sich rechnen, spielen meist nur wenige Einzeldates (gefolgt von diversen Festivalauftritten), bevorzugt in Medienstädten, und keine kompletten Touren mehr. Man kriegt diese Bands jetzt schon kaum nach Nürnberg.
Wir können aus unserer Erfahrung heraus sagen, dass es gewiss nicht an fehlenden Bookingkontakten oder an mangelnder Infrastruktur liegt, dass wir selbst nicht mehr so oft wir früher Bands der Liga White Stripes, TV On The Radio usw. im Festsaal des K4/Künstlerhauses veranstalten. Auch ein frischrenovierter Z-Bau wird an diesem Bookingverhalten nichts ändern.

Dazu kommt dass Nürnberg im Vergleich zu anderen Städten oft niedrigere Besucherzahlen hat. Auch diese werden sich gewiss nicht vergrößern, wenn sich dasselbe Publikum auf noch mehr Veranstaltungen aufteilen soll. Und wer auf Fremdeinmietungen setzt, dem sei gesagt: Die Kosten, um sich in einen Raum im Z-Bau einzumieten, werden auch nicht günstiger sein als die für die anderswo schon bestehenden Räume. Dürfen sie ja nicht, wegen der Konkurrenzsituation, die angeblich vermieden werden soll.

Dass MUZ und Teile der Kulturpolitik sich ein eigenes Monopol-Popkulturzentrum in Nürnberg bauen wollen, sollte nicht blind vor den Zahlen machen, die das E-Werk als von der Größenordnung her absolut vergleichbarer Spielort, im selben Einzugsbereich schreibt. Neben den immensen Baukosten (7.5 Millionen nach Abzug des EU-Zuschusses und erfahrungsgemäß steigt das ja immer noch während der Bauphasen) wird ein jährlicher Zuschuss von 400.000 Euro für den Z-Bau gefordert. Zur Erinnerung die Zahlen vom E-Werk: Jährlicher Zuschuss: 373.000 Euro. Eigenerwirtschaftungsquote: 84% (und das muss man erst mal hinkriegen!). Defizit im Jahre 2011 trotzdem: 39.700 Euro, sprich: Insolvenz droht. Und das von einem Kulturzentrum, das schon über Jahrzehnte gepflegte Bookingkontakte verfügt, und kaum riskante Veranstaltungen macht.

Wer kann denn angesichts solcher Zahlen ernsthaft davon reden, dass es in der Metropolregion den Bedarf an noch einem Kulturzentrum dieser Größenordnung gibt, und darüber hinaus auch noch behaupten, dass dies keine Konkurrenz zu bestehenden Kulturspielorten darstellen wird? Ach ja: Der zukünftige Betreiber und die Lokalpolitiker, die sich damit ein Kulturdenkmal setzen wollen.

Die Mittel die in den Z-Bau investiert werden sollen fehlen woanders

Hier wird geplant, als wäre im Kulturbereich der Stadt Nürnberg Geld im Überfluss vorhanden und als wären alle bestehenden Einrichtungen bereits gut versorgt. Das Gegenteil ist der Fall, wie wir alle wissen. Und trotzdem wird hier mit einer nicht nachvollziehbaren Leichtigkeit über die langfristige Bindung von Mitteln gesprochen, die anderswo dann nicht mehr zur Verfügung stehen.

Man will „den im Kulturbereich oft beobachtbaren Selbstausbeutungstendenzen entgegenwirken“, wie es als eines der Ziele im Z-Bau Konzept steht!? Nun, wenn Geld investiert werden soll, weil die Leute sich nicht bis an die Grenzen des Machbaren selbst ausbeuten sollen, warum wird dann nicht erst mal mehr in bereits bestehende Kulturangebote investiert? Einige können nur mangels fehlender Stellen und finanzieller Mittel für Umbauten oder Ausstattung nicht bis zur vollen Ausnutzung bespielt werden. Oder warum werden nicht kulturelle Orte unterstützt, deren Aktivität durch Probleme mit Anwohnern, Parkplätzen, Verordnungen, fehlender Lärmdämmung, Heizung u.ä. ausgebremst werden? Die Liste ist endlos – wenn es einem wirklich um vielfältige Kulturförderung geht.

Zentralismus auf Kosten kultureller Vielfalt

Wir wollen nicht stumm zusehen, wie hier Weichen gestellt werden, durch die zugunsten eines zentralen leichter regulierbaren Popkultur-Ansprechpartners, der MUZ-Gruppe, die bestehende gewachsene kulturelle Vielfalt der Stadt gefährdet wird. Wenn in ein paar Jahren dann nämlich festgestellt wird – und das ist absehbar – dass dieses Z-Bau-Konzept nicht so toll läuft wie erträumt, dann kann das leicht dazu führen, dass an anderen Stellen der Stadt der selbstbestimmten jungen Kultur das Leben noch schwerer gemacht wird, als es jetzt schon für viele ist. Denn dann lässt sich ja einfach sagen: Ihr müsst ja nicht an euren Orten bleiben, wir haben euch doch diesen tollen Multiplex-Kultur-Klotz mit perfekter Infrastruktur gebaut.

Wir aber wollen lebendige quer über die Stadt verteilte Kultur, die aus vielfältigen Kontexten heraus ensteht, die sich frei entwickelt und nicht-Vorsehbares hervorbringt, und die auch mal unbequem und kritisch sein kann, und nicht nur wie im Z-Bau-Konzept gewünscht ‘sinn- und lebensfreudestiftend’. Das Z-Bau Konzept erkennt schon ganz richtig, dass „kulturelle Neuentwicklungen nur schwer steuerbar sind, da diese meist intrinsisch aus homogenen Szenen heraus entstehen und sich oft von ihrem Selbstverständnis aus bewusst einer szenefremden Betrachtung oder einer potentiellen Institutionalisierung verweigern“. Der Schluss, der hieraus gezogen werden sollte, ist aber dass es eben genau für diese Kultur kein Popkulturzentrum in der hier vorgelegten Konzeptierung bedarf. Wir wollen nicht, dass die Kultur unserer Stadt von gutmeinenden taktierenden KreativwirtschaftlerInnen gesteuert wird. Wir fordern von unserer Stadt mehr Engagement für die Vielfalt. Wir wollen auch nicht, dass die Kultur dieser Stadt städtebaulichen Plänen unterworfen wird, die jetzt grad mal den Süden von Nürnberg aufwerten wollen, sondern dass sie genau dort respektiert und unterstützt wird, wo sie wächst. „Not in our name, Marke Nürnberg“ – oder wie war das?

Dass die MUZ in einigen Bereichen gute Arbeit leistet und weiß, wie man sich an den richtigen Stellen Freunde schafft, bezweifelt niemand. Dass die MUZ aber nun auch noch aufgrund einer selbsterstellten Bedarfsstudie ein Riesen-Multiplex-Kulturzentrum finanziert bekommen soll, das geht einfach zu weit.

herzlichst,
euer musikverein
(Ehrenamtliches Veranstalterkollektiv im Künstlerhaus/K4, http://www.musikverein-concerts.de)

Wir würden übrigens gerne im Jahr 2046 vielleicht auch mal für den Kulturförderpreis der Stadt Nürnberg Betracht gezogen werden. Das wäre dann zu unserem 70. Jubiläum.

Das Konzept der MUZ zum Z-Bau, das morgen dem Kulturausschuss vorgelegt wird, könnt ihr hier einsehen:
http://online-service2.nuernberg.de/eris09/agendaItem.do;jsessionid=B0A4CD1C3E9281AA469F50CA0B162759?id=31802

Unser Statement als (vielleicht) angenehmer lesbares PDF:
http://www.musikverein-concerts.de/download/Offener%20Brief%20vom%20musikverein%20zum%20MUZ-Konzept%20f%C3%BCr%20den%20Z-Bau.pdf

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